Krisen bei jungen Menschen erkennen und richtig reagieren

Gepostet in Ausbilder:innen Lehrgang am 12. FEBRUAR 2025

Dieser Artikel richtet sich an alle, die mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun haben – sei es im Betrieb, in der Familie oder im Freundeskreis. Erfahren Sie, wie Sie Anzeichen einer psychischen Krise oder akuter Suizidalität erkennen können. Der Beitrag stellt das praxiserprobte BELLA-Konzept vor, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, um in schwierigen Gesprächen Sicherheit zu gewinnen: vom Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung über das Erfassen der Situation bis hin zur gemeinsamen Suche nach ersten Lösungsansätzen. Ziel ist es, Ihnen konkrete Werkzeuge an die Hand zu geben, um junge Menschen in Notlagen effektiv zu unterstützen und handlungsfähig zu bleiben.

Als Ausbilderin oder Ausbilder bist du weit mehr als nur eine Person, die fachliches Wissen vermittelt. Du bist Mentor:in, Vorbild und oft eine der engsten Bezugspersonen für deine Lehrlinge während einer der prägendsten Phasen ihres Lebens. Genau deshalb bist du auch in einer einzigartigen Position: Du bemerkst Veränderungen, Stimmungen und Sorgen oft als eine:r der Ersten.
Vielleicht denkst du, psychische Probleme seien eine Seltenheit. Die Zahlen zeichnen leider ein anderes Bild. Die psychische Belastung bei jungen Menschen ist keine Ausnahme mehr, sondern ein wachsendes gesellschaftliches Problem, das durch die Corona-Pandemie noch massiv verstärkt wurde.Aktuelle Studien sind alarmierend:
Was bedeuten diese Zahlen für deinen Alltag? Sie bedeuten, dass es statistisch sehr wahrscheinlich ist, dass du in deinem Betrieb auf Auszubildende triffst, die innerlich kämpfen und dringend Unterstützung benötigen. Viele Jugendliche fühlen sich mit ihren Sorgen allein und sprechen nicht mit ihren Eltern – aus Angst, sie nicht zu verstehen oder ihnen zur Last zu fallen.Hier kommst du ins Spiel. Deine Aufmerksamkeit und dein offenes Ohr können eine Lücke füllen und zu einem entscheidenden Rettungsanker werden.
Dieser Artikel soll dir dabei helfen, diese Rolle nicht als Last, sondern als Chance zu sehen. Er gibt dir das nötige Rüstzeug an die Hand, um Warnsignale zu erkennen, in schwierigen Situationen sicher zu handeln und eine Brücke zu professioneller Hilfe zu bauen.
Um junge Menschen wirklich unterstützen zu können, müssen wir verstehen, was in ihnen vorgeht. Das Jugendalter ist per se eine Zeit des Umbruchs und der Krisen. Es ist ein ständiger Spagat zwischen dem Wunsch nach Autonomie und der Realität der Fremdbestimmung durch Elternhaus, Schule und eben auch den Ausbildungsbetrieb.
Für Lehrlinge kommt eine besondere Herausforderung hinzu: die sogenannte Übergangskrise.Der Wechsel von der geschützten Schulwelt ins Berufsleben ist ein massiver Einschnitt. Mit 15 oder 16 Jahren werden sie aus ihrem vertrauten Umfeld gerissen und mit den Erwartungen der Erwachsenenwelt konfrontiert. Dieser Prozess ist nicht nur ein einfacher Jobwechsel; er ist ein Kulturschock, der das seelische Gleichgewicht fundamental ins Wanken bringen kann. Während Studierende diesen Schritt erst Jahre später vollziehen, müssen Lehrlinge gleichzeitig die emotionale Achterbahn der Pubertät
und den knallharten Realismus des Arbeitslebens bewältigen. Der Leistungsdruck im Betrieb und in der Berufsschule, die Navigation in neuen sozialen Hierarchien mit Kolleg:innen und Vorgesetzten und die Angst vor dem Versagen schaffen eine einzigartige Stresskulisse.
Hinzu kommt ein tiefgreifendes Gefühl, das viele Jugendliche teilen: Sie fühlen sich nicht ernst genommen.Sätze wie „Was hast du denn in deinem Alter schon für Probleme?“ oder „Das geht vorbei“ sind pures Gift. Sie signalisieren dem jungen Menschen, dass seine Gefühle und Sorgen nicht valide sind. Für einen Teenager ist der Liebeskummer nach einer zweiwöchigen Beziehung eine Weltuntergangstragödie, auch wenn es für Erwachsene trivial erscheinen mag. Dieser Schmerz ist real. Wenn wir ihn abtun, verstärken wir nur die Isolation und das Gefühl, mit allem allein zu sein. Dazu kommen reale Zukunftsängste, die junge Menschen heute stark beschäftigen – Sorgen um Inflation, Kriege und bezahlbaren Wohnraum sind keine abstrakten Themen, sondern konkrete Belastungen.
Du musst kein:e Psycholog:in sein, um zu helfen. Deine wichtigste Fähigkeit ist deine Aufmerksamkeit. Es geht nicht darum, Diagnosen zu stellen, sondern darum, Veränderungen im Verhalten und in der Stimmung deines Lehrlings wahrzunehmen. Wenn ein sonst zuverlässiger und fröhlicher junger Mensch plötzlich ganz anders ist, sollten deine Alarmglocken läuten.

Die folgenden Anzeichen, zusammengefasst aus psychologischer Praxis und wissenschaftlichen Erkenntnissen, können auf eine psychische Krise hindeuten.Achte vor allem auf Muster und plötzliche, massive Veränderungen.
Kategorie | Konkrete Anzeichen | Beispiel im Arbeitsalltag |
Verhalten | • Sozialer Rückzug • Plötzlicher Leistungsabfall • Häufiges Fehlen, Unpünktlichkeit • Aufgabe von Hobbys und Interessen • Vernachlässigung des Äußeren • Erhöhter Konsum von Alkohol/Drogen | • Der Lehrling isst in der Pause immer allein. • Die Noten in der Berufsschule brechen ein. • Er/Sie meldet sich oft wegen unspezifischer Gründe krank. • Das gepflegte Erscheinungsbild weicht einem ungepflegten. |
Emotionen & Stimmung | • Anhaltende Traurigkeit, Niedergeschlagenheit • Starke Reizbarkeit, Wutausbrüche • Ängstlichkeit, ständige Sorgen • Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit • Verlust von Freude (Anhedonie) • Starke Stimmungsschwankungen | • Er/Sie reagiert auf kleine Fehler oder Kritik extrem wütend oder weinerlich. • Wirkt durchgehend bedrückt und teilnahmslos. • Äußert ständig Sorgen über die Zukunft oder die eigene Leistung. |
Körper & Energie | • Anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung • Schlafstörungen (zu viel/zu wenig) • Appetitverlust oder übermäßiges Essen • Häufige Kopf- oder Bauchschmerzen ohne medizinische Ursache • Antriebslosigkeit | • Der Lehrling gähnt ständig und wirkt wie ferngesteuert. • Klagt wiederholt über Kopfschmerzen, um Aufgaben zu vermeiden. • Verliert oder nimmt in kurzer Zeit stark an Gewicht zu. |
Kommunikation & Denken | • Negative Selbstgespräche („Ich kann nichts“) • Konzentrations- und Gedächtnisprobleme • Äußerungen von Hoffnungslosigkeit („Es hat eh alles keinen Sinn“) • Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen • Gedanken an den Tod oder Suizid | • „Das schaffe ich sowieso nicht, ich bin zu dumm dafür.“ • Kann sich einfache Anweisungen nicht mehr merken. • Spricht davon, dass „bald alles vorbei ist“. |
Dieses Thema ist heikel, aber es anzusprechen, kann Leben retten. Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei jungen Menschen in Österreich.Die Zahl der Jugendlichen, die wegen Suizidgedanken in Behandlung kommen, hat sich seit 2019 verdreifacht.In Deutschland geben 8 % der jungen Menschen an, Suizidgedanken zu haben.Du musst wissen, wann die Situation kritisch wird.

Die Entwicklung von Suizidalität verläuft oft in Stufen:
Ein zentrales Merkmal ist die suizidale Einengung.Stell dir einen Tunnel vor: Die Welt der betroffenen Person wird immer enger, dunkler und fokussiert sich nur noch auf den einen vermeintlichen Ausweg – den Suizid. Alles andere verliert an Bedeutung: Freunde, Familie, Hobbys, die Zukunft. Die Fähigkeit, die Konsequenzen für andere zu sehen, schwindet. Äußerlich kann sich das durch einen massiven Rückzug, aber auch durch eine trügerische, unheimliche Ruhe zeigen – weil die Entscheidung innerlich vielleicht schon gefallen ist.
Viele haben Angst, das Thema direkt anzusprechen, weil sie fürchten, den anderen erst „auf die Idee zu bringen“. Das ist ein gefährlicher Mythos!Die Idee ist bereits da. Wenn du es ansprichst, signalisierst du: „Ich sehe deine Not, und ich habe keine Angst davor.“ Das kann eine immense Entlastung sein und die gefährliche Isolation durchbrechen. Du kannst zum Beispiel fragen: „Manchmal, wenn Menschen so verzweifelt sind, wie du es gerade beschreibst, haben sie Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Geht es dir auch manchmal so?“
Eine wichtige Erkenntnis aus der psychologischen Praxis ist, dass Suizidgedanken paradoxerweise eine Funktion haben können: Sie geben ein Gefühl von Kontrolle zurück, wenn das ganze Leben als unkontrollierbar empfunden wird.Der Gedanke „Ich könnte jederzeit aussteigen“ ist der letzte Strohhalm der Handlungsfähigkeit. Deshalb ist es oft nicht hilfreich, diesen Gedanken einfach verbieten zu wollen. Stattdessen geht es darum, gemeinsam andere Handlungsoptionen zu finden, sodass der Suizid von Plan A zu Plan B, C und schließlich zu einer nicht mehr nötigen Option wird.
Wenn du akute Suizidalität vermutest, gibt es klare Regeln:
Wenn ein Lehrling auf dich zukommt oder du ein Gespräch beginnst, fühlst du dich vielleicht unsicher. Was sollst du sagen? Was, wenn du das Falsche sagst? Hier hilft das BELLA-Konzept. Es ist ein praxiserprobter und leicht merkbarer Leitfaden aus der Krisenintervention, der dir Sicherheit gibt und dir hilft, die richtigen Schritte in der richtigen Reihenfolge zu gehen.

Das Wichtigste zuerst: Zeige, dass du da bist. Schaffe eine vertrauensvolle Atmosphäre.
Bevor du an Lösungen denkst, musst du das Problem verstehen.
Hier geht es noch nicht um die große Lösung, sondern um kleine Erleichterungen im Hier und Jetzt.
Du musst und sollst das nicht alleine tragen.
Dies ist der letzte Schritt. Hier geht es um Hilfe zur Selbsthilfe.
Deine Rolle als Ersthelfer:in ist unglaublich wertvoll, aber sie hat auch klare Grenzen. Du bist die Brücke, nicht das Ziel. Deine Aufgabe ist es, zuzuhören, zu stabilisieren und an professionelle Stellen weiterzuverweisen. Es ist nicht deine Verantwortung, die tiefgreifenden Probleme deines Lehrlings zu therapieren. Diese Grenze zu kennen und zu wahren, schützt nicht nur dich vor Überforderung, sondern auch den jungen Menschen, denn er braucht kompetente, fachliche Hilfe.
Die Auseinandersetzung mit den Sorgen und Nöten anderer ist emotional belastend. Deshalb ist es entscheidend, dass du auch auf dich selbst achtest – das nennt man Psychohygiene.
Die folgende Tabelle bietet eine Auswahl wichtiger Anlaufstellen. Speichere sie dir ab oder drucke sie aus. Im Ernstfall schnell die richtige Nummer zur Hand zu haben, ist Gold wert.
Anlaufstelle | Beschreibung | Kontakt |
FÜR JUGENDLICHE (DEUTSCHLAND) | ||
Nummer gegen Kummer | Anonyme & kostenlose Beratung am Telefon, per Mail oder Chat für alle Sorgen. | Tel: 116 111 (Mo-Sa 14-20 Uhr) www.nummergegenkummer.de |
Krisenchat | 24/7-Beratung durch ehrenamtliche Profis via WhatsApp oder SMS. | www.krisenchat.de |
[U25] Deutschland | Spezielle Mail-Beratung für junge Menschen unter 25 in Krisen und bei Suizidgedanken. | www.u25-deutschland.de |
FÜR JUGENDLICHE (ÖSTERREICH) | ||
Rat auf Draht | Der Klassiker: Anonyme & kostenlose Beratung rund um die Uhr für alle Themen. | Tel: 147 (24/7) www.rataufdraht.at |
Gesund aus der Krise | Vermittelt kostenlose Therapieplätze für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 21. | Tel: 0800 800 122 www.gesundausderkrise.at |
Kriseninterventionszentrum | Professionelle Hilfe bei akuten Krisen, auch für Bezugspersonen (regional unterschiedlich). | www.kriseninterventionszentrum.at (für Wien, mit Links zu anderen Bundesländern) |
FÜR BEZUGSPERSONEN & ELTERN | ||
Elterntelefon (DE) | Anonyme Beratung für Eltern und andere Bezugspersonen bei Sorgen um Kinder. | Tel: 0800 111 0 550 (Mo-Fr 9-17 Uhr, Di & Do bis 19 Uhr) |
SeeleFon (DE) | Beratung für Angehörige von psychisch erkrankten Menschen (Betrieben vom BApK). | Tel: 0228 71002424 (Zeiten siehe Website) www.bapk.de/angebote/seelefon |
HPE (Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) (AT) | Beratung, Selbsthilfegruppen und Infos für Angehörige in allen Bundesländern. | Tel: 01 526 42 02 (Wien, mit Verweis auf Länder) www.hpe.at |
NOTFALLDIENSTE (24/7) | ||
Telefonseelsorge (DE & AT) | Rund um die Uhr erreichbar für jeden, der ein Gespräch braucht. | DE: 0800 111 0 111 / 0800 111 0 222 AT: 142 |
Rettungsdienst | Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung. | DE: 112 AT: 144 |
Psychische Krisen bei jungen Menschen sind real, sie sind häufig, und sie finden direkt vor unserer Nase statt – auch in deinem Betrieb. Wegzusehen ist keine Option. Deine Aufmerksamkeit, dein Mut, eine Veränderung anzusprechen, und dein Mitgefühl können für einen jungen Menschen, der sich verloren fühlt, den entscheidenden Unterschied machen.
Du musst dabei nicht perfekt sein. Du musst keine fertigen Lösungen haben. Aber du kannst ein sicherer Hafen sein, ein offenes Ohr bieten und eine Brücke zu der professionellen Hilfe bauen, die dringend benötigt wird. Mit dem BELLA-Konzept hast du einen verlässlichen Kompass für diese Gespräche. Mit der Liste der Anlaufstellen hast du konkrete nächste Schritte an der Hand.
Deine Rolle als Ausbilder:in ist eine der wichtigsten in der Gesellschaft. Du formst nicht nur Fachkräfte, du begleitest Menschen. Sei dir dieser Bedeutung bewusst. Sei der Anker in einer stürmischen Zeit. Und vergiss niemals: Du bist dabei nicht allein.